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Karneval mit politischem Hintergrund

Oktober 12, 2008

Ich gehe regelmäßig zu diversen Demonstrationen, weniger als Demonstrant als vielmehr als Zuschauer. Ich kann es nicht erklären warum mich solche Massenveranstaltungen magisch anziehen, aber irgendwie quält mich sonst das Gefühl, etwas verpasst zu haben.
Außerdem will ich später meinen Kindern (sofern ich überhaupt einmal welche haben werde) sagen können, dass ich etwas gegen den Wahnsinn (welchen auch immer) getan habe.
Nichts ist beschämender als das Trauma vom Dritten Reich- Phänomen, und es steckt tief in mir, obwohl ich ja eigentlich persönlich damit nichts mehr zutun habe.

Heute war wieder eine dieser Demonstrationen.
Ein Marsch gegen die Vorratsdatenspeicherung.

Das interessante an solchen Groß- Veranstaltungen ist ja (wie es auch ein Redner auf der Abschlusskundgebung noch einmal betonte) dass sich hier sehr viele Blocks, Parteien, Interessensgruppen, Individuen und Organisationen aller Art zusammenfinden, um gegen eine Sache zu kämpfen. Denn oft kann man zwar gemeinsam gegen eine Sache sein, sie dann aber aus sehr verschiedenen Perspektiven kristisieren. Wenn bei einer Demonstraton gegen was-auch-immer eine ganzes Spektrum diverser Perspektiven vertreten sind, zum Beispiel durch Redebeiträge, Banneraufdrucke, Kunstobjekte und Verkleidungen, fühlt man sich selbst nicht derartig deplaziert. Wie es ja sonst oft schnell der Fall auf politischen Veranstaltungen sein kann, wenn sie nur durch eine einzige Organisation veranstaltet wird, der man selbst in vielen Punkten nicht zustimmt.

Die Sonne schien, ein herrlicher Tag um demonstrieren zu gehen und ein paar interessante Motive vor die Linse zu bekommen.
Am Neptunbrunnen auf dem Alexanderplatz versammelten sich alle Demonstranten, es wurden Reden gehalten und jeder präsentierte seine kreativen Einfälle, um auf so einer Versammlung aufzufallen.
Die Polizei war überall. Doch weniger aggressiv als man sie sonst kennt, nicht maskiert und auch sonst sehr zurückhaltend.
In irgendeiner der vielen Unterhaltungen, der man unbeabsichtigt zulauschen geradezu gezwungen wird, (ein Stadtphänomen und erst recht ein Demonstrationsphänomen!) wurde genau darüber diskutiert.
Jede Aggression von Demonstranten-Seite hätte gewissermaßen die Überwachung gerechtfertigt. Das leuchtete mir ein. Und sicherlich auch der Polizei.
Im Laufe der Demonstration, die sich langsam vom Alexanderplatz Richtung Brandenburgertor bewegte, überkam mich mehr und mehr das Gefühl, dass ich mich vielmehr auf einem großen Karneval mit politischen Hintergrund befand. Auf einer großen Party statt auf einer Demonstration im herkömmlichen Sinne.
Es gab eine Reihe Wagen, die meisten spielten Musik und die Leute tanzten ausgelassen.
Statt die Menschen mit politischen Reden über die Ungerechtigkeiten des Systems zu langweilen, hielt man sie mit Djs erfolgreich bei Stimmung. (Die Reden beschränkten sich nur auf die Eröffnung und die Abschlusskundgebung der Demonstration!)
Etwa eine neue Love Parade?
Vielleicht, so wurde ich mir meiner Paranoia bewußt als wir am Reichstag vorbeizogen, hatte man uns ja genau dort, wo man uns haben will. (Wer auch immer ´man` hier sein mag).
Eine Demonstration, eine große, eine bunte, eine gutgelaunte, eine große Party, über die es sich zu berichten lohnt, direkt durch das Herz der Hauptstadt, das wirft ein sehr offenes Licht auf den deutschen Staat.
Es lockt Touristen an, es macht eine Metropole zu einer Metropole und präsentiert die Offenheit der Regierung, eine solche Demonstration vor der eigenen Haustür vorbeiziehen zu lassen.
Aber wird sie etwas bewirken?
Werden die meisten Menschen nicht einfach durch diese große Party ruhig gestellt?
Zeigt es nicht vielleicht auch die Armseligkeit der Menschen heute auf, dass sie sich nur noch durch Musik und gute Laune zum demonstrieren bewegen lassen, für oder gegen die Politik ?

Oder bewirkt diese große Menschenansammlung doch etwas?
Auch andere Länder, sogar nicht EU- Staaten sollen sich wohl (so ein Redner auf der Abschlusskundgebung) durch den deutschen Aktivismus inspiriert lassen haben und eigene Demos gegen Überwachungen aller Art auf die Beine gestellt haben.
Haben es endlich die Veranstalter solcher politisch motivierten Versammlungen verstanden, wie sie die eher wenig politisch motivierten jungen Leute dazu bewegen können, eben doch politisch Gesicht zu zeigen?

Mit ziemlich müden Beinen und vielen Fragen in meinem Kopf machte ich mich auf den Weg nach Hause. Vielleicht hat die Demo schon allein dadurch ihren Sinn erzielt.
Der eine oder andere mag sich vielleicht doch der Gefahr bewusst geworden sein, welche Spuren er im Internet hinterlassen kann und welche Auswirkungen das haben kann, der andere fragt sich eben, welchen Einfluss die Menschen auf die Entscheidungen der Regierung überhaupt noch haben (jemals hatten?), nicht nur auf die deutsche, sondern auch auf die europäische.

2 Kommentare

  1. Seit Tagen beschäftigt mich das Werbeplakat für diese Demo. Überall hängt das in der Stadt. Wrong und ich finden nämlich, dass der Typ, der darauf abgebildet ist, ein wenig wie Hitler aussieht. Nur deshalb ist mir dieses Plakat aufgefallen. Um ehrlich zu sein, wusste ich bis eben noch nicht einmal, worum es auf dem Plakat überhaupt geht, hat mich gar nicht interessiert. Dass das die Werbung für genau diese Demo ist, auf der Du warst, ist jetz n bisschen komisch. Irgendwie komme ich mir jetzt ziemlich gleichgültig vor. Da gehen tausende Menschen aus ganz Deutschland für eine wichtige Sache demonstieren, die auch mich betrifft, und ich kann nichts weiter dazu beitragen, als dass der Typ auf dem Plakat so aussieht wie Hitler! Armselig.


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